Andreas Eckstein

universell kreativ

Osthoff - So lehnt man Kronen ab 

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Matthias Osthoff ist die Hoffnung seiner Eltern, Lehrer, Chefs – des Landes, mit dem er sich identifiziert, das er liebt und für das er sich einsetzt, verausgabt, das er zunehmend kritisch betrachtet, für das er sich umso mehr engagiert, hofft bis zuletzt und darüber hinaus …

Am Anfang ist alles in schönster Ordnung. Die Verhältnisse, in denen der Junge aufwächst, sind es – die der Familie gerade so wie die der Gesellschaft. Frieden, der herrscht, wird vor dem Hintergrund allgegenwärtiger Spuren des Krieges noch wahrgenommen und wertgeschätzt. Wo LSR die ersten drei Buchstaben sind, die der Vierjährige lesen und deuten lernt, Einschusslöcher an den Fassaden markante Wegmarken darstellen, Großmutters Dämmerstunde heilig, dem Gedenken der Gefallenen gewidmet ist, dem Lehrer ein Arm fehlt, ein Kreuz am Waldwegesrand ein Soldatengrab markiert und dieses noch regelmäßig gepflegt wird, erlebt der Fünf- und Sechsjährige die Grenzsicherung im August 61 als spürbare Entspannung, den Ausgang des Krisen-Herbstes 62, in dem am Ende noch alle vernünftig werden, als allgemeines Tief-Durch- und Aufatmen. Was folgt, sind Jahre zunehmender Sorglosigkeit. Behütet, geborgen, ausreichend versorgt, wohlerzogen, ohne sich gegängelt zu fühlen, wächst Matthi auf: frei und beinahe unbeschwert, leidend allein an aufkommenden, stärker werdenden Sehnsüchten, Trieben; vielseitig interessiert und gefördert – ein begabter Junge, dem alles offen steht, der sich vorbildlich einfügt, gewandt anpasst und doch irgendwie nicht hineinpasst.

Von klein auf mehr Einzelgänger als Gruppenmensch, verpasst Matthias am Ende der Kindheit den Anschluss an Mitschüler, Spielgefährtinnen. Während anderes Treiben beginnt, Freunde von neuem zu binden, bleibt er lange allein – bleibt es, bis ihn glückliche Umstände in den Kreis dreizehn-, vierzehnjähriger Jungs führen, denen er sich sogleich verbunden, zu denen er sich hingezogen fühlt. Eine unbändige Sehnsucht ist erweckt, die ihn weiter verfolgen und treiben wird … nicht nur zu lyrischen Ergüssen! Dass ihm zunächst verwehrt wird, den pädagogischen Eros, den er in sich spürt, zu entfalten und einzusetzen, reißt ihn hin und her zwischen Möglichkeiten, die ein beneidetes Studium der Literaturwissenschaften, die für ihn keine sind, und dessen erfolgreicher Abschluss bieten. Bald diesem, bald jenem zugeneigt, vermag ihn kein Gegenstand, keine Tätigkeit lange zu fesseln. Zunehmende Zweifel am eigenen Sein und Tun gehen einher mit vermehrten Irritationen, vermehrter Kritik an der Gesellschaft – an mangelnder Akzeptanz anders Denkender, Fühlender, Handelnder, Seiender. Matthias eckt an, stolpert, strauchelt, stürzt …

Wenn er eine Zeit lang nur mehr hinzuleben scheint, nimmt er bereits von neuem Anlauf, strebt und steigt er rasch auf, bis er vorm Gipfel innehält. Jedes Mal, wenn er ein Ziel erreicht, ist es das nicht, interessiert es ihn nicht mehr, lehnt er die Krone, die ihm winkt, die er aufgesetzt bekommen, unter die er gedrückt werden soll, ab und geht. 

Wenn auch ganz sicher nicht einzig-, so doch irgendwie eigenartig – für ein paar ganz Hartgesottene sogar abartig – findet Matthias erst nach und nach Verständnis, Befürworter, Förderer, Anhänger, Freunde, die sich zu ihm bekennen, für ihn da sind, ihn begleiten … In dem Maße, in dem er verstanden wird, beginnt er sich selbst zu verstehen. Das macht es nicht unbedingt leichter. Nachdem er Krone um Krone ausgeschlagen hat, bleibt die Frage, wohinaus er eigentlich will. Welche Hoffnung gibt es für ihn in einem Staat, der, indem er einen nach dem anderen verliert, am Ende verloren ist und geht? Wird Matthias zum Aussteiger, Totalverweigerer? Oder verwandelt er, indem er sich von allem, worin er sich fremd ist, befreit, nur die Gestalt?

 

Weiß man am Ende des ersten des in zwei Bänden geplanten Romans immerhin, So lehnt man Kronen ab, wird man in der Folge erfahren: … und so verspielt man sie.

 

Erzählt und reflektiert wird die Lebensgeschichte eines Mitte der fünfziger Jahre geborenen Jungen vom Ende der 50er bis in die frühen 80er Jahre hinein. Was geschieht, geschieht im Rahmen des Aufbaus der Grundlagen einer sozialistischen Gesellschaft und deren Entfaltung, deren ehrgeiziger Etablierung, Verteidigung, Vervollkommnung, Glorifizierung – ihrer Erschütterungen, ihrer Kritik, ihrer Chancenlosigkeit, ihres Scheiterns. Es geschieht im Rahmen der Möglichkeiten, die die Gesellschaft eröffnet und bietet, und der Grenzen, an die sie stößt und die sie setzt. Kommt Matthias Osthoff das eine zugute, gerät er mit dem anderen zunehmend in Konfrontation. Was um und mit ihm passiert, zunehmend bewusst von ihm registriert und reflektiert wird, wie er reagiert und agiert ist zugleich und vor allem durch sein unstetes Wesen und die Menschen geprägt, die für ihn da sind, die ihm begegnen, sein Interesse wecken, ihm Verständnis entgegen bringen, ihm entgegenkommen, auf ihn eingehen, die sich ihm anvertrauen und denen er vertraut, die von ihm bewundert, geliebt werden …, aber auch von jenen, die sich ihm entgegenstellen, die ihn irritieren, ignorieren, verurteilen.

 

Mag die Biografie, die im Zentrum des Romans gezeichnet wird, auch nicht unbedingt typisch, so dürfte sie aber auch nicht ganz und gar abwegig sein – aussagekräftig, was das Land und seine Leute, Werden und Vergehen, Auf- und Ab-, Ein- und Umbrüche betrifft, ist sie allemal.

Die weit gefasste Zeitspanne, das breite Spektrum an Handlungsräumen, deren zeitgeschichtliche Prägung, in das Geschehen hineinwirkende zurückliegende und gegenwärtige Ereignisse und Entwicklungen und nicht zuletzt die Vielzahl an Personen – die Vielfalt des Figurenensembles erweitern die Dimension des Biografischen hin zu einem Gesellschaftsroman. Vorgelegt wird ein Buch, in dem Banales wie Sensationelles, wenig Beachtetes, Wahr- und zur Kenntnis Genommenes aus dem Alltagsleben der DDR ins Blickfeld gerückt, Unterdrücktes, Verdrängtes und Vergessenes ans Licht gefördert und klischeehaft Verklärtes ebenso wie pauschal Herabgewürdigtes und Verurteiltes einer differenzierten Betrachtung unterzogen und so einer unvoreingenommenen und damit möglicherweise neuen Bewertung zugänglich gemacht wird.

Frohburg, im Juni 2017